Eigentlich waren es Reste: So entstand der berühmte Zaunerstollen

Thomas Leitner
Thomas Leitner - Journalist und Redakteur
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Zaunerstollen Bad Ischl
BAD ISCHL. Aus zerbrochenen Oblaten entstand eine süße Legende: Seit 1905 erobert der Zaunerstollen von Bad Ischl aus Genießer weit über Österreich hinaus.

Eine der berühmtesten Spezialitäten des Salzkammerguts verdankt ihre Entstehung ausgerechnet einem Qualitätsproblem. Was vor mehr als 120 Jahren in der Backstube der Konditorei Zauner in Bad Ischl begann, entwickelte sich zu einer kulinarischen Erfolgsgeschichte: Der Zaunerstollen wurde inzwischen millionenfach produziert – sein Originalrezept ist bis heute ein streng gehütetes Geheimnis.

Aus Ausschuss wurde eine süße Legende

Am Anfang standen die damals äußerst erfolgreichen Oblaten. Doch nicht alle entsprachen den strengen Qualitätsstandards von Zauner. Manche waren ungleichmäßig gefärbt, leicht verzogen oder zerbrochen und konnten deshalb nicht verkauft werden.

Konditor Josef Nickerl wollte den Oblatenbruch nicht einfach wegwerfen. Er zerkleinerte die Reste, vermischte sie mit einer Haselnuss-Schokoladenmasse und formte daraus kleine Makronen. Besonders bei Kindern wurden diese unter dem Namen „Nickerl-Batz“ schnell zum Renner.

Der große Erfolg weckte schließlich auch das Interesse von Viktor Zauner. Gemeinsam mit Nickerl wurde in der Backstube weitergetüftelt. Die Masse wurde in eine längliche Kuchenform gepresst, getrocknet und anschließend in fingerdicke Scheiben geschnitten. Doch Nickerl hatte noch eine Idee: Die Kreation sollte zusätzlich mit feiner, zartschmelzender Schokolade überzogen werden.

1905 war damit der Zaunerstollen geboren.

Das Originalrezept liegt im Safe

Mehr als ein Jahrhundert später ist die genaue Rezeptur noch immer geheim. Laut Zauner kennt nur eine Handvoll Menschen das Originalrezept, das sicher verwahrt wird. Rezepte, die im Internet als Zaunerstollen-Original kursieren, treffen das Geheimnis offenbar nicht. Philipp Zauner erklärte gegenüber dem „Standard“, diese seien großteils „sehr weit vom Original entfernt“.

Trotz der enormen Bekanntheit setzt das Bad Ischler Traditionshaus weiterhin auf die Herstellung in der eigenen Backstube. Selbst Anfragen von Diskontern zur Produktion größerer Mengen wurden laut Medienberichten abgelehnt. Der Zaunerstollen soll keine beliebige Massenware werden.

Zehn Millionen Zaunerstollen produziert

Wie groß die Erfolgsgeschichte inzwischen geworden ist, zeigte sich 2026 eindrucksvoll: Im Mai wurde der zehnmillionste Zaunerstollen produziert. Rund 200.000 Stück werden mittlerweile pro Jahr hergestellt und weit über Österreich hinaus verschickt.

„Unser Bestseller ist seit Jahrzehnten gefragt – und heute beliebter denn je“, sagt Geschäftsführer Philipp Zauner, der das Bad Ischler Traditionsunternehmen in siebter Generation führt.

Bei den Recherchen rund um den Meilenstein tauchte sogar ein besonderes Stück Zauner-Geschichte wieder auf: die Original-Gusseisenform aus den Anfangsjahren des Zaunerstollens.

Heute gibt es die Spezialität in unterschiedlichen Größen – vom kleinen Petit Four bis zum großen Stollen – und auch mit Milchschokoladenglasur. Geblieben ist vor allem eines: die ungewöhnliche Geschichte hinter dem Original. Denn ohne ein paar Oblaten, die den hohen Qualitätsansprüchen nicht genügten, hätte es den Zaunerstollen vielleicht nie gegeben.